Berufseinsteiger können bei ihrer erstmaligen Einstellung schlecht bis gar nicht einschätzen, auf welche Kriterien sie bei ihrem Arbeitgeber achten sollten. Die nachfolgenden Ausführungen richten sich daher an Medizinphysik-Studenten, die kurz vor dem Jobeinstieg stehen. Sie sollen dir helfen, einen groben Überblick über die verschiedenen Klinikformen zu erhalten. Weitere Informationen zum Jobeinstieg findest du auf unseren Seiten zum Fachkunde-Erwerb und zum Gehalt. Wenn du  Anregungen zum Jobeinstig abseits der Tätigkeit als Medizinphysik-Experte in der Klinik suchst, findest du bei uns auf der Seite zu Tätigkeitsfeldern interessante Interviews mit ehemaligen Medizinphysik-Studenten, die nicht in der Klinik gelandet sind.

Wenn du Fragen rund um das Thema Jobeinstieg hast, kannst du uns auch gerne über unser Kontaktformular eine Nachricht hinterlassen. Wir unterstützen dich gerne und versuchen dir alle Fragen zu beantworten!

Vorweg sei darauf hingewiesen, dass alle die folgenden Beschreibungen nicht zwingend zutreffend sein müssen bzw. jede Klinik von diesen Einschätzungen (und Vorurteilen) abweichen kann.

Anders als in Österreich oder der Schweiz, gibt es in Deutschland Strahlentherapien und nuklearmedizinische Abteilungen nicht nur in großen Krankenhäusern oder Universitätskliniken, sondern auch in kleinen Praxen oder Praxisverbunden. Das hat zur Folge, dass sich die Ausbildungen zum Medizinphysik-Experten je nach Standort stark unterscheiden können. Grundsätzlich lässt sich jedoch nicht pauschal sagen, welche Klinik welche Ausbildungsqualität anbieten kann. In Deutschland sind Strahlentherapien, nuklearmedizinische und röntgendiagnostische Abteilungen in Krankenhäusern, Universitätskliniken, Praxen und Praxisverbunden vertreten. Nachfolgend werden tendenzielle Vor- und Nachteile der jeweiligen Arbeitgeber (teils subjektiv) vorgestellt.

Große vs. kleine Abteilung

Ein großes Haus (Krankenhaus, Universitätsklinik) bietet im Vergleich zu einer kleinen Praxis oder einem Praxisverbund mehr Abteilungen. Dadurch steht euch während der Ausbildung ein größerer Geräte- und Softwarepark und damit ein abwechslungsreicheres Anwendungsspektrum zur Verfügung. Gegebenenfalls habt ihr sogar die Möglichkeit, mehrere Fachkunden (z.B. Strahlentherapie, Nuklearmedizin, Röntgendiagnostik) gleichzeitig innerhalb der vorgegebenen 24 Monate zu erwerben. Bei kleinen Praxen hingegen besteht die Möglichkeit, sich zunächst auf ein Gebiet zu fokussieren. Die Einarbeitung in den kleineren Gerätepark ist schneller abgeschlossen, sodass Arbeiten früher selbstständig übernommen werden können.

In großen Kliniken, insbesondere in Universitätskliniken wird häufig Wert auf Außendarstellung bzw. Präsenz auf Tagungen gelegt, sodass hier die Wahrscheinlich höher ist, dass du Weiterbildungsmöglichkeiten wahrnehmen kannst. Hiermit sind Tagungen oder lokale Meetings der bekannten Vereine wie DGMP, DRG APT, DEGRO, DPG aber auch User-Meetings von Geräte- oder Software-Herstellern gemeint. Die Treffen sind absolut empfehlenswert, um euch fortzubilden und interessante neue Kontakte zu knüpfen oder alte Kontakte zu pflegen. An einigen Universitätskliniken besteht unter Umständen zudem die Möglichkeit berufsbegleitend zu promovieren oder an Lehrangeboten der Universität mitzuwirken. Einige Universitätskliniken besitzen große Forschungsabteilungen mit vielen wissenschaftlichen Mitarbeitern bestehend aus Promovierenden und Professoren, die zusammen eine Vielzahl von Arbeiten publizieren. Andere Kliniken verpflichten ihre Medizinphysik-Experten teilweise zur Wissenschaft, indem sie vertraglich geregelt wird. In diesem Fall sind die Medizinphysik-Experten sowohl für den klinischen Alltag, als auch für die Forschungsarbeit und Lehre zuständig. Das kann je nach Typ einerseits als Forschungsdruck oder Abwechslung gewertet werden. Selten ist der Doktorgrad oder eine angestrebte Promotion sogar Einstellungsvoraussetzung.

Da in größeren Betrieben üblicherweise auch mehr Personal beschäftigt ist, kann die Abwesenheit von Mitarbeitern deutlich besser verkraftet werden. Generell ist die Belastung beim Ausfall eines Mitarbeiters (z.B. durch Urlaub, Krankheit) je geringer, desto mehr insgesamt eingestellt sind. Hier ist die oben bereits erwähnte Verantwortung in kleinen Praxen umso wichtiger, damit bei einem Ausfall möglichst früh Aufgaben selbstständig übernommen werden können. Die Fokussierung auf ein Gebiet ist also zwingend notwendig, um im Betrieb möglichst schnell Kollegen entlasten zu können. Diese Fokussierung ist auch in größeren Kliniken möglich, allerdings aus anderen Gründen. Teilweise sind hier Experten zu finden, die sich aufgrund des Umfangs vollständig auf ein Thema (z.B. EDV, Qualitätsmanagement, Konstanzprüfungen, Dosimetrie, klinische Routine) konzentrieren. Solche Möglichkeiten haben kleine Praxen natürlich nicht, weshalb dort wiederum die Chance besteht, zum Allrounder und Problemlöser für alle Themenkomplexe zu werden. Dafür ist natürlich eine gewisse Vielseitigkeit, Interesse, Arbeitsbereitschaft und sehr viel Zeit notwendig.

In kleinen Abteilungen sind gute Beziehungen zu Kollegen enorm wichtig. Das soll nicht bedeuten, dass es in größeren Teams unwichtig ist, aber die Zusammenarbeit ist umso enger, je kleiner das Team ist. Es ist nicht unüblich, dass in kleinen medizin-physikalischen Abteilungen nicht in Einzelbüros, sondern dauerhaft in einem Gruppenbüro zusammen gearbeitet wird. Die Beziehungen sind hier also deutlich enger und die Hierarchie bis zum Abteilungsleiter oder Chefarzt in der Regel flacher. Ein gutes Arbeitsklima ist wichtig für Zufriedenheit im Job.

Da ich bereits viele Fragen zur Arbeitszeit à la „Wie sind die tatsächlichen Arbeitszeiten im klinischen Alltag?“ erhalten habe, möchte ich dieses Thema noch abschließend anschneiden. Natürlich kann in einer Abteilung im Krankenhaus der Fall eintreten, dass z.B. aufgrund von Ausnahmesituationen, klinischen Notfällen, kurzfristigem Personalmangel oder eines Wunsches vom Chefarzt, Überstunden anfallen. Das ist völlig normal und passiert mit Sicherheit in jeder Abteilung mal. Jeder im Krankenhaus tätige Medizinphysiker sollte bereit sein, auch mal ein paar Überstunden zu machen. Da in privaten Praxen die Investoren in der Regel etwas näher am klinischen Alltag sind und diese direkt am Gewinn der Praxis partizipieren, könnte ich mir allerdings tendenziell einen höheren Arbeitszeitdruck in privaten Praxen vorstellen. Das ist allerdings nur eine Vermutung. Ich für meinen Teil arbeite sehr gerne und kann mit ein paar Überstunden sehr gut leben, solange das entsprechend wertgeschätzt wird. Persönlich kenne ich kaum Kollegen, die langfristig ein Problem mit Überstunden haben. Der Vollständigkeit halber möchte ich zumindest erwähnen, dass die Arbeitszeit zum Arbeitnehmerschutz grundsätzlich im Arbeitszeitgesetz (ArbZG) geregelt. Wird die Arbeitszeit vom Arbeitgeber nicht eingehalten, ist dies eine Ordnungswidrigkeit.

Ein letzter kleiner, aber nicht zu unterschätzender Vorteil von großen Abteilungen ist die eigene Kantine. Oftmals sind Alternativen mitgebrachte Mahlzeiten, die erst vorbereitet und dann aufgewärmt werden müssen oder Junk-Food vom Imbiss um die Ecke. Gutes Kantinenessen während der Pause ist langfristig  ein Faktor für gute Stimmung..

Schlusswort

Es existieren mit Sicherheit viele Abteilungen, die sich von den dargestellten Klinken vollständig unterscheiden. Macht euch beim Bewerbungsgespräch selbst ein Bild und erkundigt euch, z.B. bei Mitarbeitern zu Details des Ausbildungsablaufs. Die obigen Ausführungen zu Vor- und Nachteilen der jeweiligen Arbeitgeber sollten folglich kein hartes Kriterium sein, um eine Abteilung auszuschließen.