Röntgenschürzen

Inhaltsverzeichnis

Zur Vermeidung unnötiger Strahlenexposition (§ 8 StrSchG) und zum Schutz beruflich exponierter Personen vor äußerer Exposition (§ 75 StrSchV) wird in der Röntgendiagnostik unter anderem Strahlenschutzkleidung verwendet. In den folgenden Abschnitten wird auf rechtliche Grundlagen, Kriterien bei der Wahl der Röntgenschürzen, Instandhaltung und Qualitätskontrollen sowie die Bestimmung von Schwächungseigenschaften eingegangen. Abschließend wird geprüft, inwieweit bleireduzierte und bleifreie Schutzkleidung geeignet sind. Insbesondere die Problematik veralteter Messmethodik, die eine Festlegung falscher Bleigleichwerte zur Folge hatte, wird hier vorgestellt.

Die richtige Röntgenschürze

Rechtliche Grundlage & Kategorisierung

Bei der Wahl der richtigen Röntgenschürze sind einige Dinge zu beachten. Grundvoraussetzung für das Verwenden von Strahlenschutzmitteln ist, dass rechtliche Vorgaben eingehalten werden. Dazu zählt zum einen die Erfüllung der Abschirmeigenschaften und Schutzwirkung nach DIN EN 61331:2016 – Strahlenschutz in der medizinischen Röntgendiagnostik und zum anderen eine CE-Kennzeichnung. Bei größeren Anbietern ist es in der Regel ausgeschlossen, dass diese Kriterien nicht erfüllt sind. Insbesondere bei bleireduzierten und bleifreien Schürzen ist es wichtig, auf die Prüfung nach der aktuellen Norm (2016) zu achten, da nach der alten Messmethodik (2006) fehlerhafte Bleigleichwerte berechnet wurden. Dazu wird in den unteren Kapiteln im Detail eingegangen.

Im dritten Teil der DIN 61331-3 – Schutzkleidung, Augenschutz und Abschirmungen für den Patienten ist im Abschnitt zu den Ausführungen festgelegt, dass die Ordnungszahl der verwendeten Abschirmmaterialen über 47 (Silber) liegen muss. Selbstverständlich muss die Materialverteilung homogen und die Schutzkleidung desinfizierbar sein. Darüber hinaus gibt es weitere Bestimmungen z.B. zur Mindestgröße und Körperregionen, die abgedeckt sein müssen. Die Röntgenschürzen werden wie folgt kategorisiert.

  • Leichte (L) Strahlenschutzschürze: Gesamte Fläche > 0,25 mm Pb
  • Schwere (H)Strahlenschutzschürze: Vorne > 0,35 mm Pb, übrige Fläche > 0,25 mm Pb
  • Leichte geschlossene (LC) Strahlenschutzschürze: Gesamte Fläche > 0,25 mm Pb
  • Schwere geschlossene (HC) Strahlenschutzschürze: Vorne > 0,35 mm Pb, übrige Fläche > 0,25 mm Pb
  • Schilddrüsenschutz: > 0,35 mm Pb

Geschlossene Schürzen müssen die Seiten des Körpers von maximal 10 cm unterhalb der Achseln bis zu den Knien und den Rücken bis zum Kniegelenk bedecken.

Der Bleigleichwert wird nach DIN 61331-1 – Bestimmung von Schwächungseigenschaften von Materialien mithilfe der inversen Breitstrahlgeometrie für 50 kV, 70 kV, 90 kV und 110 kV bestimmt (s. Bild unten). Werden Spannungen von über 125 kV verwendet, sollte nachgewiesen werden, dass der Bleigleichwert auch für Spannungen von bis zu 150 kV erreicht und die Röntgenschürze erkennbar gekennzeichnet ist.

Neben den Schutzwirkungen muss das Etikett der Schürze die Flächendichte, Größe und Länge sowie einen Verweis auf die jeweilige Norm, nach der die Schutzwirkungen bestimmt wurden, enthalten. Beispielauszug eines Etiketts einer kommerziellen Röntgenschürze der Firma MAVIG:

  • Röntgenschürze RA: 660
  • Farbe: Ocean
  • Größe / Länge: Groß, 110 cm
  • Schutzmaterial: NovaLite
  • Außenhülle: ComforTex HPMF
  • Vorne / Hinten: 0,5 mm / 0,25 mm Pb
  • DIN EN 61331-3-2002 LM
  • Röhrenspannung: 50-120 kV

Persönliche Anforderungen

Auf Basis der obigen Anforderungen stellt sich die Frage, bei welchen Anwendungen und bei welchem Gerät die Schürze zum Einsatz kommen soll. Das ist wichtig, da Schürzen je nach Material und teils unabhängig vom Bleigleichwert für unterschiedliche kV-Bereiche zugelassen sein können. In der Regel besitzen Schürzen einen Schutz bis 150 kV. Sollte die Schürze laut Etikett nur einen Schutz bis 110 kV bieten, die Röntgenmodalität jedoch Spannungen bis 150 kV erzeugen, ist sie nicht für den Arbeitsplatz geeignet.

Bei der Auswahl der Größe ist es wichtig, dass die Röntgenschürze weder zu groß noch zu klein ist. Bei zu großen Schürzen besteht die Gefahr, dass sich die Schürze im Brustbereich wellt und nicht anliegt, sodass insbesondere das Brustgewebe verstärkt exponiert wird. Ein weiterer vermeidbarer Nachteil zu großer Schürzen ist das zusätzliche Gewicht. Zu kleine Schürzen hingegen können durch unzureichenden Überlappungen am Übergang von Weste zu Rock oder von Schilddrüsenschutz zu Weste oder bei nicht-bedeckten Knien (Schutz des blutbildenden Knochenmarks) zu unnötigen Expositionen führen. Bei einigen Schürzen kommt der angegebene Bleigleichwert durch eine Überlappung der Westen-Flügel, die jeweils die Hälfte des angegebenen Bleigleichwerts besitzen, zustande. Ist die Schürze zu klein, kann das zur Folge haben, dass die Überlappung nicht ausreichend ist und einige Körperteile effektiv nur durch den halben Bleigleichwert geschützt sind.

Wenn ein Großteil der beruflichen Tätigkeit die Anwendung ionisierender Strahlung vorsieht, empfiehlt es sich folglich eine personalisierte Schutzausrüstung zu bestellen. Diese sollte mindestens aus Schürze, Weste und Schilddrüsenschutz bestehen. Durch die Kombination Weste + Rock, kann ein Teil des Gewichts von den Schultern auf das Becken verlagert werden, was insbesondere bei längeren Operationen angenehm ist. Häufig befindet sich an der Weste ein Gummizug oder ein Gurt, der dafür sorgt, dass das Gewicht vom Becken getragen wird. Bekannte Anbieter für Röntgenschürzen bieten mittlerweile individuelle Anfertigungen anhand von Geschlecht, Größe, Brust- und Taillenumfang, Rückenbreite uvm. an.

Bleifreie Schürzen - Vorsicht!

Aufgrund des hohen Gewichts und zum Wohle des Umweltschutzes haben sich bleifreie und bleireduzierte Materialien in der Vergangenheit hoher Beliebtheit erfreut. In diesem Teil werden diese Schürzen diskutiert.

Das lästige Gewicht der schweren Bleischürzen führt auf Dauer und insbesondere bei langwierigen Operationen zu hohen körperlichen Belastungen. Hinzukommt, dass die Entsorgung des giftigen Bleis ein enormes Umweltproblem ist. Bleifreie umweltfreundliche Schürzen mit bis zu 60 % weniger Gewicht klingen also höchst attraktiv. Die Antwort vorweg: Die Ergebnisse der Studien, ob tatsächlich dieselben Schutzkriterien erfüllt werden können, sind ernüchternd. Für gesunden Strahlenschutz ist die Möglichkeit, gewichtsreduzierte Röntgenschürzen zu verwenden, sehr begrenzt.

Messmethode und Sekundärstrahlung

Trifft Röntgenstrahlung auf Materie, entsteht Sekundärstrahlung in Form von Fluoreszenz, Rayleigh- und Comptonstreuung. Durch diese Strahlung kann es sein, dass es hinter der Schürze zu einem Dosisaufbau kommt. Für bleifreie und bleireduzierten Röntgenschürzen werden insbesondere Elemente mit Kernladungszahlen im Bereich zwischen 50 (Zinn) und 83 (Bismut) verwendet. Der Anteil der Fluoreszenz steigt allerdings mit kleiner werdender Ordnungszahl, da die Ausbeute je höher ist, desto näher die Röntgenenergie an der K-Absorptionskante liegt. Um folglich die tatsächliche Abschirmung zu bestimmen, muss die Messmethodik gewährleisten dass nicht nur die transmittierte Strahlung, sondern auch die Sekundärstrahlung vollständig erfasst wird.

Das war aufgrund einer veralteten Messmethodik nicht der Fall, sodass weiterhin bleifreie und bleireduzierte Schürzen, die unter Umständen keinen ausreichenden Strahlenschutz bieten, im Umlauf sind. Das Problem waren Messungen, die im schmalen Strahlenbündel stattgefunden haben. Mittlerweile ist eine Messung nach der inversen Breitstrahlgeometrie vorgeschrieben.

Bestimmung des Bleigleichwerts gemäß alter DIN EN 61331-1:2006
Bestimmung des Bleigleichwerts gemäß alter DIN EN 61331-1:2006
Bestimmung des Bleigleichwerts gemäß neuer DIN EN 61331-1:2016
Bestimmung des Bleigleichwerts gemäß neuer DIN EN 61331-1:2016

Im schmalen Strahlenbündel werden Streustrahlung und Fluoreszenzen aufgrund der Reichweite zur Messkammer und des Streuwinkels nicht berücksichtigt, sodass der Bleigleichwert überschätzt wird. Bleifreie Röntgenschürzen, die keinen Nachweis der Prüfung nach DIN EN 61331:2016 (national) bzw. IEC 61331:2014 (international) vorlegen, sollten geprüft oder ausgesondert werden, da u.U. keine ausreichende Schutzwirkung besteht.

Der Anteil der Sekundärstrahlung kann durch die Bestimmung des Dosisaufbaufaktors B angegeben werden. Er kann berechnet werden, indem der Quotient aus Schwächungsfaktor bei inverser Breitstrahlgeometrie F_{IBG} und dem Schwächungsfaktor bei schmaler Strahlgeometrie F_{SSG} gebildet wird.

B = F_{IBG} / F_{SSG}

Darstellung des Dosis-Aufbaufaktors B für Materialien, die in Röntgenschürzen verwendet werden in Abhängigkeit der Röhrenspitzenspannung kVp: Antimon, Barium, Bismut/Gadolinium/Antimon, Bismut-Barriere, Blei (Abbildung mit freundlicher Genehmigung von Dr. Heinrich Eder).
Darstellung des Dosis-Aufbaufaktors B für Materialien, die in Röntgenschürzen verwendet werden in Abhängigkeit der Röhrenspitzenspannung kVp: Antimon, Barium, Bismut/Gadolinium/Antimon, Bismut-Barriere, Blei (Abbildung mit freundlicher Genehmigung von Dr. Heinrich Eder).

In der Darstellung der Dosis-Aufbaufaktoren für typische Materialien ist zu sehen, dass für einige Materialien die Dosis um bis zu 100% unterschätzt wird, wenn die falsche Messmethodik verwendet wird. Es ist außerdem erkennbar, dass auch in Blei etwas, wenn auch wenig, Sekundärstrahlung entsteht. Bleifreie/-reduzierte Röntgenschürzen, bei deren Prüfung die Sekundärstrahlung nicht gemessen wurde, können folglich die Haut und oberflächennahe Organe des Trägers unbemerkt durch Sekundärstrahlung exponieren.

Transversales Schnittbild auf Brusthöhe bei dem weiblichen Phantom „Regina“ zur Darstellung einer Sn-Fluoreszenz-Dosisverteilung beim Tragen einer Zinn-Röntgenschürzen, die nicht nach der DIN EN 61331-1:2016 (oder analog IEC) geprüft wurde (Abbildung mit freundlicher Genehmigung von Dr. Heinrich Eder).
Transversales Schnittbild auf Brusthöhe bei dem weiblichen Phantom „Regina“ zur Darstellung einer Sn-Fluoreszenz-Dosisverteilung beim Tragen einer Zinn-Röntgenschürzen, die nicht nach der DIN EN 61331-1:2016 (oder analog IEC) geprüft wurde (Abbildung mit freundlicher Genehmigung von Dr. Heinrich Eder).

Als weiterer negativer Effekt dieser Materialien kommt hinzu, dass niederenergietische Fluoreszenzstrahlung eine deutlich höhere biologische Wirksamkeit besitzt, sodass die Exposition oberflächennaher Organe bei der Messmethodik mithilfe des schmalen Strahlenbündels besonders unterschätzt wird. Die verantwortlichen K-Fluoreszenzlinien liegen bei 20-40 keV.

Die neue DIN EN 61331:2016 schreibt nun eine einheitliche Messung mit der inversen Breitstrahlgeometrie vor. Während der Messwert für Bleiersatzmaterialien stark von der Messmethodik abhängt, bleiben die Ergebnisse für reine Bleischürzen nahezu unverändert. Das liegt daran, dass bei Blei im diagnostischen kV-Bereich kaum Sekundärstrahlung erzeugt wird, während bei Bleiersatzmaterialen die oben erwähnte niederenergetische Fluoressenz entsteht.

Abhängigkeit der Anzahl dizentrischer (abnormaler) Chromosomen von der mittleren Photonenenergie bei der Bestrahlung menschlicher Lymphozyten. Fluoreszenzstrahlung (grüner Bereich) weist eine deutliche höhere biologische Wirksamkeit als typische Röntgenstrahlung (blauer Bereich) auf (Abbildung nach Schmid et al., 2002).
Abhängigkeit der Anzahl dizentrischer (abnormaler) Chromosomen von der mittleren Photonenenergie bei der Bestrahlung menschlicher Lymphozyten. Fluoreszenzstrahlung (grüner Bereich) weist eine deutliche höhere biologische Wirksamkeit als typische Röntgenstrahlung (blauer Bereich) auf (Abbildung nach Schmid et al., 2002).

Einfache Messung der Sekundärstrahlung

Von einem Röntgenschürzen-Hersteller wurden uns zwei Test-Ausschnitte sogenannter Bi-Layer Röntgenschürzen zugesandt, um diese mit einer praxisnahen Messung auf Sekundärstrahlung und die daraus resultierenden Phänomene zu untersuchen.

  1.  „Lead Free“ (Antimon & Zinn, Bleigleichwert: 0,35 mm Pb)
  2.  „Superlight“ (Blei umhüllt von Antimon, Bleigleichwert: 0,25 mm Pb)

Der Hersteller dieser Schürzen hat diese beiden Modelle seit Bekanntwerden der Problematik aus seinem Produktkatalog gestrichen.

Ausschnitte der Bi-Layer-Röntgenschürzen - Lead Free (0,35 mm Pb) und „Superlight“ (0,25 mm Pb) - , die auf Bildung von Sekundärstrahlung getestet werden.

Zweilagige Schürzen bestehen in der Regel aus einem leichten, fluoreszierendem Material (z.B. Antimon) und einem schweren, nicht so stark fluoreszierendem Material (z.B. Blei). Die Idee dieses Konzepts besteht darin, die fluoreszenz-produzierende Schicht der Strahlung zuzuwenden, sodass das dahinterliegende (am Träger anliegende) Material mit der höheren Ordnungszahl neben der Röntgenstrahlung gleichzeitig die eigens produzierte Fluoreszenz abschirmt und so das Gewicht der Schürze reduziert wird. Für unsere Testzwecke wurden die Schürzenausschnitte daher auf der fluoreszierenden Schicht zusätzlich mit der Aufschrift „Outside“ gekennzeichnet.

In dieser simplen Messung soll demonstriert werden, welchen Einfluss die Fluoreszenz auf die Tiefenpersonendosis hat. Auf einen Patiententisch eines typischen C-Bogens werden RW-3 Platten zu einem 20cm hohen Streukörper gestapelt. Die Belichtungsautomatik wird deaktiviert, und die folgenden Parameter eingestellt:

U = 73\text{ kV}, A = 45 \text{ mA}, t = 11,9 \text{ ms}

Auf dem Tisch wird eine Messkammer positioniert und nacheinander mit den beiden Schürzenausschnitten abgeschirmt. Zunächst wird eine Messung hinter der Schürze gemacht, bei der die stark fluoreszierende Schutzschicht dem Streukörper zugewandt ist und anschließend wird die Schürze umgedreht (also „auf links“ gedreht) und erneut gemessen. Die zwei Messungen werden in zwei Abständen durchgeführt: Einmal wird die Messkammer unmittelbar hinter dem Material (anliegend) positioniert und einmal befindet sich der Detektor in einem Abstand von ca. 30 cm.

Wird diese Röntgenschürze richtig herum getragen, bietet sie – wie erwartet – einen besseren Schutz. Wird die Messkammer direkt hinter dem Testausschnitt positioniert (in der Abbildung links, < 5cm) und die Schürze „auf links“ getragen, resultiert aus der produzierten Sekundärstrahlung eine erhöhte Dosis. Wird der Abstand zwischen Messkammer und Röntgenschürze erhöht (in der Abbildung rechts, >20 cm) ist der Effekt durch die Sekundärstrahlung nicht mehr so stark ausgeprägt.

Schematische Darstellung des Messaufbaus bestehend aus einem C-Bogen, einem RW3-Plattenstapel, dem Ausschnitt aus einer Bi-Layer Röntgenschürze und einer Messkammer. Die Pfeile deuten die unterschiedlichen Szenarien an.
Schematische Darstellung des Messaufbaus bestehend aus einem C-Bogen, einem RW3-Plattenstapel, dem Ausschnitt aus einer Bi-Layer Röntgenschürze und einer Messkammer. Die Pfeile deuten die unterschiedlichen Szenarien an.
Mittlere Dosis pro Bild für die Testmaterialien „Lead free“ und „Superlight“ in Abhängigkeit des Abstands zwischen Messkammer und Röntgenschürze sowie der Ausrichtung des Materials bzw. der Trageweise der Schürze. Bei geringem Abstand und falscher Trageweise zeigt sich aufgrund der Sekundärstrahlung eine erhöhte Dosis.
Mittlere Dosis pro Bild für die Testmaterialien „Lead free“ und „Superlight“ in Abhängigkeit des Abstands zwischen Messkammer und Röntgenschürze sowie der Ausrichtung des Materials bzw. der Trageweise der Schürze. Bei geringem Abstand und falscher Trageweise zeigt sich aufgrund der Sekundärstrahlung eine erhöhte Dosis.

Diese Messung ist selbstverständlich nicht DIN-konform und erhebt keinen Anspruch auf wissenschaftliche Korrektheit. Die Messwerte dienen lediglich der Darstellung der Tendenz einer steigenden Dosisbelastung bei der Verwendung fluoreszierender Materialien in bleifreien und –reduzierten Bleischürzen.  Zudem ist die hier verwendete Gamma-Sonde lediglich für einen Energiebereich von 30 – 1300 kV geeignet, sodass sie streng genommen nicht für das gesamte Spektrum der Fluoreszenzstrahlung geeignet ist.

Qualitätssicherung

Die Funktionstüchtigkeit von Schutzkleidung muss regelmäßig überprüft werden. Defekte und Mängel (z.B. Löcher, gerissene Nähte, Knickstellen) reduzieren die Schutzwirkung und können zu erhöhten, nicht detektierten Organbelastungen führen.

In Deutschland wird die Kontrolle des Strahlenschutzmaterials in DIN 6857-2:2016 – Strahlenschutzzubehör bei medizinischer Anwendung von Röntgenstrahlung – Teil 2: Qualitätsprüfung von in Gebrauch befindlicher Schutzkleidung bis 150 kV geregelt. Darin enthalten sind Verfahren, Kennmerkmale und einzuhaltende Prüffristen.

  • Sichtprüfung & Funktionsprüfung (arbeitstäglich)
  • Tastprüfung (jährlich)
  • Prüfung mittels Röntgenstrahlung (Nach 3 Jahren, danach alle zwei Jahre. Bei Defekten jedes Jahr)

Bei den Angaben handelt es sich um Mindestangaben. Je nach Nutzungsgrad und Umgang sowie der etwas bequemeren Handhabung bietet es sich ab einer gewissen Anzahl an Schürzen an, einfach eine jährliche Prüfung aller Schürzen durchzuführen.

Es existieren Firmen, die mittlerweile einen DIN-konformen Rundum-Service anbieten. Dieser enthält die Aufnahme und Kategorisierung des Bestands in eine Inventarliste, Prüfung aller Strahlenschutzmittel mithilfe einer mobilen Röntgeneinrichtung und den direkten Austausch defekter Röntgenschutzkleidung.

Beispiele

Messung der relativen Abschirmung

Aufgrund der oben beschriebenen Problematik ist es nicht auszuschließen, dass sich immer noch bleireduzierte oder bleifreie Bleischürzen im Umlauf befinden, die nach der neuen Messmethodik einen deutlich schlechteren Abschirmungsgrad aufweisen, als der Hersteller vorgibt. Diese Messreihe soll zeigen, wie Röntgenschürzen auf Ihre relative Abschirmung geprüft werden können. Die Messung lässt keine direkte Aussage auf den Bleigleichwert zu. Sollte eine Bleischürze jedoch einen deutlich schlechteren Schutz bieten, wird das in dieser Messung offenbart. Anschließend sollten beim Hersteller Informationen zur Prüfmethode bzw. Aktualität der Schürze eingeholt werden.

Hier werden vier verschiedene Röntgenschürzen-Typen bekannter Hersteller aus dem OP miteinander verglichen. Dazu wird ein kommerzieller C-Bogen, ein RW3-Plattenphantom sowie das Strahlenschutz-Messgerät LB 123 UMo zur Messung der Tiefen-Personendosis HP(10) verwendet. Die Messkammer wird ungünstig neben dem Streukörper platziert und mit den jeweiligen Schürzen verdeckt. Die Belichtungsautomatik des C-Bogens wird deaktiviert, anschließend wird die Spannung in 10er-Schritten von 60 kV bis auf 110 kV erhöht. Der Strom wird dabei konstant gehalten.

Bleischürzen - Messaufbau zur Bestimmung der relativen Abschirmung 2
Darstellung des Messaufbaus bestehend aus C-Bogen, RW3-Plattenphantom und verdeckter Messkammer (hier: Messung des Rückteils)
Bleischürzen - Messaufbau zur Bestimmung der relativen Abschirmung 1
Darstellung des Messaufbaus bestehend aus C-Bogen, RW3-Plattenphantom und Messkammer.

Der Abschirmfaktor F_K wird durch Bildung des Quotienten aus Messung mit Röntgenschürze und Messung ohne Bleiabschirmung gut abgeschätzt.

F_{\dot K} = 1- \dot K_\text{Schürze} / \dot K_\text{Ohne} \approx 1 – D_\text{Schürze} / D_\text{Ohne}

Die folgenden Schürzen wurden miteinander verglichen:

  • Mavig: 0,35mm Pb
  • Xenolite: 0,70mm Pb
  • SFX: 0,35mm Pb
  • MDT: 0,70mm Pb

Zunächst wird die Messkammer direkt hinter Weste platziert und mit beiden Seiten überlappend bedeckt.

Bleischürzen Vergleich Mavig Xenolite SFX MDT - Doublelayer
Bleischürzen Vergleich Mavig Xenolite SFX MDT - Doublelayer
Bleischürzen Vergleich Mavig Xenolite SFX MDT - Doublelayer (Herangezoomt)
Bleischürzen Vergleich Mavig Xenolite SFX MDT - Doublelayer (Herangezoomt)

Aus dem Verhältnis wird mit der obigen Formel die Abschirmung berechnet.

Bleischürzen Vergleich Mavig Xenolite SFX MDT - Abschirmung
Bleischürzen Vergleich Mavig Xenolite SFX MDT - Abschirmung

Die gesamte Messreihe wird nochmal wiederholt ohne Überlappung der beiden Westenseiten.

Bleischürzen Vergleich Mavig Xenolite SFX MDT - Singlelayer
Bleischürzen Vergleich Mavig Xenolite SFX MDT - Singlelayer
Dosismessung für Bleischürzen (Mavig, Xenolite, SFX, MDT) - Singlelayer (Herangezoomt)
Dosismessung für Bleischürzen (Mavig, Xenolite, SFX, MDT) - Singlelayer (Herangezoomt)

Um alle vier Westen miteinander zu vergleichen, werden die Abschirmung der Xenolite- und MDT-Weste ohne Überlappung mit der Abschirmung der Mavig- und SFX-Weste mit Überlappung verglichen. Alle Westen haben in diesem Fall einen Bleigleichwert von 0,35mm Pb.

Relative Abschirmung der Röntgenstrahlung von Röntgenwesten in Abhängigkeit der Röhrenspannung von vier verschiedenen Herstellern (Mavig, SFX, Xenolite, MDT) bei einheitlichem Bleigleichwert von 0,35mm Pb.
Relative Abschirmung der Röntgenstrahlung von Röntgenwesten in Abhängigkeit der Röhrenspannung von vier verschiedenen Herstellern (Mavig, SFX, Xenolite, MDT) bei einheitlichem Bleigleichwert von 0,35mm Pb.

Das Ergebnis zeigt, dass alle Schürzen über den gesamten kV-Bereich eine ungefähr identische Abschirmung bieten.

Zum Zeitpunkt der Messung war leider kein Gerät mit Spannung bis 150 kV verfügbar, das eine Abschaltung der Belichtungsautomatik ermöglichte. Insbesondere dieser Bereich wäre interessant gewesen. Zur Optimierung der Messung kann hinter der Messkammer zusätzliches Rückstreumaterial platziert werden (z.B. ein Alderson-Phantom). Es wurde zudem zu jeder Bleischürze nur eine Messreihe aufgenommen, sodass die hier dargestellten Werte wahrscheinlich eine nicht zu vernachlässigende Unsicherheit aufweisen.

Verwirrung bei Etiketten?

In der obigen Messreihe wurden die folgenden Schürzen miteinander verglichen:

  • Mavig: 0,35mm Pb
  • Xenolite: 0,70mm Pb
  • SFX: 0,35mm Pb
  • MDT: 0,70mm Pb

Es konnte gezeigt werden, dass die Westen bei gleichem Bleigleichwert eine identische Abschirmung bieten. In den vier Westen sind die folgenden Etiketten zu finden.

Insbesondere ein Vergleich der Etiketten der Mavig- und Xenolite-Schürze zeigt die Problematik. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als betrage bei beiden Westen der Bleigleichwert 0,35mm Pb. Nach der Messung ist bekannt, dass die Mavig die deklarierten 0,35mm Pb aufweist, die Xenolite-Weste hingegen einen Bleigleichwert von 0,7mm Pb hat. Es könnte sich hier zwar um eine fehlerhafte Kennzeichnung durch den Hersteller handeln, wahrscheinlicher ist jedoch, dass die Schürze keine Abdeckung von 0,7mm Pb bei 60% der frontalen Seite gewährleistet ist, wie es in der neuen DIN EN 61331:2016 gefordert ist, sondern wahrscheinlich lediglich eine „Doublelayer“-Abdeckung von 40 – 60% vorhanden ist.

Literatur

  • 8 StrSchG – Vermeidung unnötiger Exposition und Dosisreduzierung
  • 75 StrSchV – Sonstige Schutzvorkehrungen
  • 10 BetrSichV – Instandhaltung und Änderung von Arbeitsmitteln
  • DIN 6857-1 Strahlenschutzzubehör bei medizinischer Anwendung von Röntgenstrahlung – Bestimmung der Abschirmeigenschaften von bleifreier oder bleireduzierter Schutzkleidung
  • DIN 6857-2 Strahlenschutzzubehör bei medizinischer Anwendung von Röntgenstrahlung – Qualitätsprüfung von in Gebrauch befindlicher Schutzkleidung
  • DIN 61331 Strahlenschutz in der medizinischen Röntgendiagnostik
  • Strahlenschutzkleidung in der Röntgendiagnostik – Einfluss der Messmethoden auf den Bleigleichwert und die erforderliche Masse, T. Schöpf und T. Picher (2016)
  • Röntgenschürzen: Vorsicht bei bleifrei, H. Eder (2009)
  • Ist der Bleigleichwert zur Beurteilung der Schutzwirkung bleifreier Schutzkleidung geeignet? H. Eder, W. Panzer, H. Schöfer (2005)
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