Das abschließende Kapitel zum Thema „Ausbildung“ beschäftigt sich mit weiteren Tätigkeitsfeldern abseits des Medizinphysikers in der Klinik. Grundsätzlich sind den meisten Studenten bereits einige Tätigkeiten durch z.B. Berufsvorbereitungsseminare oder Stellenausschreibungen bekannt. Allerdings beziehen sich die häufigsten Fragen nicht auf die Tätigkeit selbst, sondern insbesondere auf die Umstände, die den Einstieg in den Job ermöglicht haben, die Flexibilität im Hinblick auf die Arbeitszeiten, welches Fachwissen aus dem Studium besonders hilfreich ist oder was die Argumente der jeweiligen Absolventen für oder gegen eine Promotion nach dem Studium waren.

Aus diesem Grund sollen an dieser Stelle verschiedene Tätigkeiten anhand von kleinen Interviews mit ehemaligen (Medizin)physik-Absolventen vorgestellt werden.

David H. – Fresenius (Medizintechnik)

Hallo David,

seit unserem beinahe zeitgleichen Abschluss an der TU Dortmund haben wir uns ein leider ein wenig aus den Augen verloren. Aus diesem Grund freue ich mich besonders über das kleine Interview mit dir.

Wir starten fast immer mit derselben Frage: Wo bist du nach dem Studium gelandet und wie kam es dazu?

David H. - Fresenius

Hallo Moritz,
ich hatte relativ viel Glück direkt einen Platz in der Forschung und Entwicklung eines großen Medizintechnikkonzerns ergattern zu können. Es handelt sich dabei um Fresenius Medical Care. Wir sind der weltweit führende Anbieter für Dialysegeräte. Jede zweite Maschine der Welt ist von Fresenius.

Es kam dazu, da ich mir bereits während meines Studiums zwischen Bachelor und Master 12 Monate Zeit genommen habe, um zu schauen welche beruflichen Möglichkeiten abseits des Medizinphysikers in der Klinik existieren. Damals war ich bereits für ein 6-monatiges Praktikum bei Fresenius. Nach meinem Abschluss kamen aber auch noch persönlich Gründe dazu. Meine damalige Freundin und ich wollten zusammenziehen und suchten beiden Arbeit. Es hat dann für uns beide in Frankfurt geklappt.

Du machst den Eindruck, als wärst du mit deinem Arbeitgeber sehr zufrieden. Würdest du rückblickend sagen, dass sich die Auszeit gelohnt hat? Welchen Studenten würdest du so eine Praktikums- oder Orientierungspause empfehlen?

Ja, ich habe aktuell viele Freiheiten und Möglichkeiten mich selbst einzubringen. Diese Freiheit macht viel Spaß. Und ja, es hat sich für mich auf jeden Fall gelohnt. So habe ich einen guten Überblick über unterschiedliche Bereiche, die nach dem Studium für mich interessant sein könnten, bekommen. Zudem konnte man auch schon erste praktische Erfahrung sammeln.

Ich kann es grundsätzlich jeder Person empfehlen, die Lust hat bereits vor dem Abschluss Praxiserfahrung zu schnuppern. Im schlimmsten Fall erfährt man, was man später nicht machen möchte. Dafür hat man die Möglichkeit in eine andere Stadt zu kommen, neue Unternehmen kennen zu lernen und ggf. – wie in meinem Fall – den neuen Arbeitgeber kennenzulernen. Kontakte für die Zukunft zu knüpfen, hat sich für mich folglich gelohnt.

Fresenius ist ein riesiges Medizintechnik-Unternehmen. Ich selbst arbeite in meinem Beruf sehr oft eng mit unserer Medizintechnik-Abteilung zusammen und stelle immer wieder fest, dass sich die Lehrinhalte der Ausbildung, trotz des ähnlichen Namens deutlich unterscheiden.

Kannst du uns einen etwas detaillierteren Einblick in deinen Arbeitsalltag geben? Welche Fächer aus dem Studium waren für deine jetzige Tätigkeit besonders hilfreich?

Deine Aussage deckt sich mit dem, was ich wahrgenommen habe. Medizintechniker arbeiten meist sehr konkret in der Wartung und Instandhaltung von Maschinen, wohingegen Medizinphysiker deutlich allgemeinere Themen bearbeiten.

Ich bin in der globalen Forschung und Entwicklung (GRD) angestellt und arbeite dort in der Gruppe der Plattformkomponenten. Das sind jede Sensoren und Aktoren, die in mehr als eine Maschinenfamilie (Value, Premium usw.) eingebaut werden. Hier geht es darum neue Komponenten für die verschiedenen Maschinen zu entwickeln. Darüber hinaus legen wir auch viel Wert darauf neue Technologien zu entwickeln und nutzen.

Im Alltag sieht es so aus, dass wir uns regelmäßig über verschiedene Quellen wie Zulieferer, Messen oder Patente informieren und prüfen, welche Technologien für uns potentiell interessant sein könnten. Falls wir eine Technologie identifiziert haben, treten wir mit den entsprechenden Leuten in Kontakt. Das können zum Beispiel Universitäten, aber auch langjährige Zulieferer sein. Über eine Kostenstelle bestellen wir uns dann erste Muster und versuchen mit diesen Prototypen, die die prinzipielle Funktionsweise zeigen, aufzubauen. Gelingt dies, bereiten wir unseren Prototypen so vor, dass wir ihn in den entsprechenden Gremien vorstellen können, um ihn anschließend als Entwicklungsprojekt zu gewinnen. Dort wird er dann von uns betreut, um alle regulatorischen und auch technischen Anforderungen bis ins Detail zu lösen. Es ist also ein guter Mix aus Laborarbeit, in der es zum einen mit 3D-Druckern und Arduinos (Physical-Computing-Platform, bestehend aus Hard- und Software) um das Aufbauen schneller Prototypen geht und zum anderen um Projektarbeit, die das Einbeziehen von Experten, die Vorbereitung sauberer Dokumentation und das Einhalten von Zeitplänen beinhaltet.

Besonders hilfreich sind für mich immer wieder die Grundlagenvorlesungen. Sei es bei der Auslegung einer Pumpe, bei der Kräftegleichgewichte aufgestellt werden müssen, dem Verständnis von elektrischen Zusammenhängen, wenn der Sensor auf einmal komische Werte ausgibt oder auch chemische Grundlagen bei einer pH-Wert Messung. Spezielleres Wissen muss man sich in jedem einzelnen Projekt erarbeiten. Wichtig ist eben ein gutes Grundverständnis zu haben und vernetzt denken zu können. Mir fällt es zum Beispiel schwer hydraulische Zusammenhänge zwischen Druck und Flüssigkeit sowie dessen Ursachen zu verstehen. Aber die Zusammenhänge lassen sich 1:1 in ein elektrisches Ersatzschaltbild überführen, mit dem ich dann wieder sehr gut arbeiten kann.

Das ist tatsächlich mal etwas Anderes. Lass uns noch ein bisschen über dein Leben abseits der Arbeit sprechen. Früher hast du am Wochenende mit deinem Zwillingsbruder als Handball-Schiedsrichter in der 3. Liga gepfiffen, Seid ihr beide noch aktiv? Wie hat sich eure „Schiri“-Karriere entwickelt? Und viel wichtiger: Wie lässt sich der Aufwand mit deinem Beruf vereinen?

Wir haben das Glück weiterhin aktiv sein zu können. Auch in der Entwicklung unserer Karriere ging es steil nach oben. Aktuell pfeifen wir im Anschluss-Kader der 1. Liga. Hier werden wir gezielt an das Niveau obersten Liga herangeführt und durften bereits erste Erstliga-Spiele pfeifen. Zudem sind wir als EHF-Schiedsrichter (Europäische Handball Föderation) auf Clubebene bis zum Europapokal unterwegs. Diesen Sommer hatten wir außerdem eine Nominierung für eine Europameisterschaft der U17-Frauen. Als absolutes Highlight haben wir uns zusätzlich als IHF-Schiedsrichter (Internationale Handballföderation) qualifiziert und waren in dem Rahmen für eine Meisterschaft in Georgien unterwegs. Wie du schon an den ganzen Events siehst, ist es noch zeitaufwändiger geworden als damals. Beim Durchrechnen für meine Steuererklärung habe ich festgestellt, dass ich über 80 Mal für den Handball unterwegs war. Meist am Wochenende oder als Urlaub, aber auch das ist auf Dauer sehr anstrengend.

Hier ist es umso wichtiger sich auf gute Kollegen und einen verständnisvollen Chef verlassen zu können. In meiner Gruppe erfahre ich da volle Unterstützung! Das geht aber auch nur durch flexible Arbeitszeiten und die Möglichkeit mir selbst meine Arbeit einzuteilen. Wir hatten zum Beispiel früher häufiger einen Einsatz am Freitagabend in Lübeck. Aus Frankfurt benötige ich ca. 5 Stunden ohne Bahnverspätung und muss 120 Minuten vor Spielbeginn vor Ort sein. Dann schaue ich, dass ich bereits in der Woche soweit vorarbeite, dass ich den Freitag mobil arbeiten kann. Im Zug kann ich mich darauf konzentrieren meine Dokumentenarbeit zu erledigen und bin ich ggf. noch erreichbar, falls etwas Wichtiges sein sollte. Es ist also schon eine Herausforderung, aber ich nehme Erlebnisse mit, die ich nicht missen möchte. Für die Unterstützung vom Team und meinem Chef bin ich sehr dankbar!

Das hört sich spitze an, Glückwunsch dazu und weiterhin viel Erfolg beim Pfeifen! Von deiner zeitlichen Flexibilität träumen wahrscheinlich viele Arbeitnehmer.

Noch eine abschließende Frage: Was wünschst du dir für deine berufliche Zukunft?

Für meine berufliche Zukunft würde ich mir wünschen, dass es immer möglich ist, meine Leidenschaft mit dem Beruf vereinbaren zu können und spannende, herausfordernde Aufgaben zu bekommen. Dabei sollen natürlich auch weiterhin andere Rahmenbedingungen, wie Wertschätzung, Kommunikation auf Augenhöhe und ganz wichtig: Spaß, passen.

Ajvar K. – Westdeutsches Protonenzentrum (Promotion)

Hallo Ajvar,

wir haben damals an der Universität so ziemlich jeden Kurs gemeinsam belegt. Obwohl wir uns auch jetzt noch nach unserem Abschluss regelmäßig treffen, reden wir relativ wenig über deinen Beruf bzw. über deine Promotion. Ich bin daher sehr gespannt, was du uns zu berichten hast.

Lass uns loslegen: Wo bist du nach dem Studium gelandet und wie kam es dazu?

Ajvar Kern - Westdeutsches Protonenzentrum Essen

Hallo Moritz,

zunächst einmal vielen Dank für die Einladung. Ich bin am Westdeutschen Protonentherapiezentrum in Essen (WPE) gelandet. Begonnen hat es damals mit dem Partikeltherapiekurs an der Uni, als ich durch Herrn Dr. Bäumer die Möglichkeit bekommen habe eine Masterarbeit am WPE zu schreiben. Anschließend hat die Chance dort eine Promotion anfertigen zu können mein Interesse geweckt. Diese entstand durch eine Kooperation mit der TU Dortmund. Neben der Promotion bin ich noch als wissenschaftlicher Mitarbeiter im klinischen Alltag des WPE involviert.

Ich erinnere mich an Herrn Dr. Bäumer und seine Vorlesung. Ich fand das damals noch relativ junge Thema insbesondere aufgrund seiner Innovation sehr interessant.

Was zeichnet euer Zentrum aus? Und kannst du uns in dem Zusammenhang erläutern, worum es grob in deiner Promotion geht?

Das WPE ist eine Tochtergesellschaft des Universitätsklinikum Essen und ein Zentrum für Strahlentherapie. Anders als in der konventionellen Strahlentherapie mit Photonen werden im WPE Tumore mit Protonen, also positiv geladenen Teilchen behandelt. Durch die charakteristische Energieabgabe der Protonen, die zunächst geringfügig erfolgt und dann mit zunehmender Tiefe stark ansteigt, kann umliegenden Gewebe gut geschont werden. Es besteht also die Chance eine Verringerung von Spätfolgen z.B. in Form von Sekundärtumoren zu erreichen. Deshalb behandeln wir im WPE überwiegend Kindern, um die Lebensqualität für zu Zukunft zu optimieren.

In meiner Promotion geht es primär um die Bestimmung der Hauptdosis in der Protonentherapie. Generell können durch die Strahlentherapie deterministische Hautschäden als Nebeneffekt entstehen. Deshalb ist es notwendig die Abhängigkeit der Hautdosis und den resultierenden Schäden zu erforschen. Limitierende Faktoren im Behandlungssystem sind z.B. zu große Dosisraster, in denen die Dosis auf Basis der Computertomographie berechnet wird. Experimentell gibt es meist zu dicke Eintrittsfenster (ca. 1 Millimeter) von Detektoren, sodass keine Werte in der zu untersuchenden Messtiefe von ca. 70 Mikrometer aufgenommen werden können. Das Ziel meiner Arbeit ist die erstmalige Bestimmung der Hautdosis in der Protonentherapie durch Simulationen sowie die Untersuchung weiterer Effekte des klinischen Alltags auf die Hautdosis.

Klingt interessant. Grundsätzlich würde ich erwarten, dass aufgrund der Form der Tiefendosiskurve die Hautdosis bei Protonenstrahlung niedriger als bei Photonenstrahlung ausfällt. Ich bin gespannt auf die Ergebnisse.

Du hast erwähnt, dass du abseits deiner Promotion auch als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig bist. Wie der Alltag am WPE für dich ab und wie ist #das zeitliche Verhältnis zwischen Wissenschaft und Arbeit?

Wenn ein einzelner Bragg-Peak betrachtet wird, stimmt deine Aussage. Soll jedoch eine homogene Dosis in einem größeren Volumen appliziert werden, wird ein sogenannter Spread-Out Bragg-Peak, der aus mehreren modulierten Bragg-Peaks zusammengesetzt ist, benötigt. Dadurch ändert sich die Eintrittsdosis – mehr dazu später in meiner Arbeit.

Als wissenschaftlicher Mitarbeiter bin ich in der Medizinphysik-Abteilung tätig. Wir sind, analog zur Arbeit im Krankenhaus, ebenfalls für die Bestrahlungsplanung, die Konstanzprüfungen der Geräte und allgemeinen Strahlenschutz zuständig. Mein Aufgabengebiet liegt hauptsächlich in der Qualitätssicherung. Ich bin verantwortlich für die Freigabe der Behandlungsräume, und die Patienten- und Maschinenqualitätssicherung nach dem Patientenbetrieb. Da der Betrieb manchmal bis zum Abend reicht, haben wir zwei Schichten. Für einen reibungslosen Arbeitsablauf sprechen wir uns im Team regelmäßig ab und koordinieren die Schichten.

Das zeitliche Verhältnis zwischen Arbeit und Wissenschaft liegt bei ungefähr 50:50. Es gibt Tage, an denen mehr Arbeit anfällt, was aber durch andere Tage mit mehr Forschungsarbeit ausgeglichen werden kann. Für mich ist es wichtig die eigene Promotion voranzutreiben, weshalb eine gewisse Eigendisziplin dazugehört um nach der Arbeit noch Wissenschaft zu betreiben. Ein großer Vorteil am MPE ist, dass ich die Maschinen für meine Forschung nach dem Patientenbetrieb verwenden darf. Gleichzeitig sammle ich bereits Sachkundezeit für die Fachkunde zum Medizinphysik-Experten.

Viele der von dir angesprochenen Tätigkeiten sind mir aus meinem klinischen Alltag bekannt. Deinem letzten Satz entnehme ich, dass du nach dem Abschluss deine Promotion auf dem Gebiet der Partikeltherapie ein fachkundiger MPE bist – ist das korrekt?

Aus welchen Gründen hast du dich für eine Promotion und damit gegen den direkten Start in die Berufswelt entschieden?

Ja richtig, das ist die Fachkunde für Partikeltherapie.

Zu Beginn der Masterarbeitsphase, die ich im WPE startete, habe ich noch nicht damit gerechnet, dass ich später promovieren werde. Das hat sich dann im Laufe der Arbeit geändert. Am WPE gab es die Möglichkeit die Promotion mit der Arbeit zu kombinieren. Diese Idee hat mir gefallen. Dazu kommt der bereits angesprochene Fachkundeerwerb, sodass neben der wissenschaftlichen auch eine klinische Zukunft möglich ist.

Dadurch, dass du neben der klinischen Ausbildung noch promovierst, ist der Anteil an „Uni-Stoff“ den du zurzeit noch benötigst, wahrscheinlich höher als bei mir. Welche Studieninhalte sind für dich aktuell besonders wichtig? Gibt es Inhalte, die du jetzt gebrauchen könntest, die du im Studium vermisst hast?

Meine Schwerpunkte im Master waren die Strahlungsphysik und die medizinische Bildgebung, wobei ich letzteres für meine Promotion eher weniger benötige. Die medizinische Strahlungsphysik und das dazugehörige Bestrahlungsplanungspraktikum bilden eine gute Grundlage für die Arbeit am WPE. Für die Promotion wäre eine solide Grundlage mit dem Umgang und der Anwendung von Detektoren im klinischen Betrieb. Weiterhin wären auch Vorlesungen zum Erweitern von Programmierkenntnissen in Octave, Matlab oder Python sowie ein Einstieg in Monte-Carlo-Simulation wünschenswert gewesen.

Ich stimme dir zu. Mehr praktische Lehrinhalte in C++ und Python hätte den meisten bestimmt geholfen, insbesondere bei der Datenverarbeitung für die Masterarbeit. Ich kenne viele, die zu Beginn der Arbeit nur die Basics konnten und sich das meiste, z.B. Monte-Carlo-Simulationen oder das Plotten mit Python, selbst beibringen mussten.

Kommen wir zur letzten Frage. Was sind deine Pläne nach der Promotion? Wo siehst du dich in ca. 5-10 Jahren?

Es gibt für mich aktuell zwei Möglichkeiten. Entweder in einer Klinik zu arbeiten oder in die Wirtschaft zu gehen. Ich habe mich bislang noch nicht entschieden, kann mir aber beide Wege vorstellen. Wichtig für mich ist, in einem guten Team in angenehmer Arbeitsatmosphäre zu arbeiten und Spaß am Job zu haben. In fünf bis zehn Jahren möchte ich fest in der Arbeitswelt etabliert sein und mich in verschiedenen Bereichen weiterentwickelt zu haben.

Florian O. - European XFEL Hamburg (Promotion)

Hallo Florian,

wir haben unser Studium an der TU Dortmund ja nahezu zeitgleich absolviert, sind anschließend aber sowohl thematisch als auch geografisch in unterschiedliche Richtungen aufgebrochen. Wir starten mal mit der üblichen Einstiegsfrage: Wo bist du denn nach deinem Studium gelandet und wie kam es dazu?

Hey Jan,

ich arbeite zurzeit als PhD-Student für das FXE Instrument am Europäischen Röntgenlaser in Hamburg. Wir betreiben Grundlagenforschung, um z.B. die Effizienz chemischer Katalyseprozesse oder die Leistung von Photovoltaiksystemen zu verbessern.

Florian Ott - European XFEL Hamburg (Promotion)

 Mich haben während des Studiums vor allem Röntgenphysik und Instrumentierung interessiert. Die medizinischen Inhalte waren zwar durchaus spannend, aber ich konnte mich weniger damit identifizieren. Für mich war es dann konsequent nach dem Studium in eine experimentelle Gruppe zu wechseln. Experimentelle Methode, Röntgenphysik und Datenauswertung spielen am Röntgenlaser eine Riesenrolle, das passte wirklich gut. Dass es für den Wechsel nach Hamburg ging war aber nur ein Nebeneffekt.

Klingt als hättest du da genau das richtige für dich gefunden. Findest du, dass dich das Studium inhaltlich und methodisch auf deine Promotion vorbereitet hat? Während des Studiums hatte ich manchmal den Eindruck, von den „reinen“ Physikern nicht als ebenbürtig angesehen zu werden. Würdest du sagen, dass es da im Vergleich zu einem Physikstudium große Unterschiede oder gar Defizite gab?

Ich hatte das Gefühl nicht so stark, weiß aber natürlich dass wir aufgrund unserer medizinischen Fächer in anderen Bereichen wie Quantenmechanik oder höherer Mathematik ohne Zweifel weniger Ausbildung bekommen haben.  Ich denke einfach, dass sich dadurch bei uns Medizinphysik-Studenten eine etwas andere Identität und Kultur entwickelt hat, die die Fakultät im Endeffekt bereichert hat. Dazu hat z.B. beigetragen, dass wir sehr früh Einblicke in den Klinikalltag bekommen haben. Von einigen Fächern abgesehen schätze ich die Unterschiede zwischen dem Medizinphysik- und dem klassischen Physikstudiengang aber als kleiner ein, als man vielleicht denkt. Ich denke es ist wichtig zu verstehen, dass es sich bei unserem Medizinphysik-Studium um ein modifiziertes Physikstudium gehandelt hat. Wen das abschreckt, der ist auch bei den Medizinphysikern am falschen Platz.

Ja das haben wir ja auch erlebt. Wer sich eine Art Medizinstudium vorstellt oder einen Weg sucht, um aus der Medizinphysik einen Quereinstieg in die Medizin zu schaffen, der wird enttäuscht werden. Ich weiß nicht ob sich das inzwischen geändert hat, aber bei uns waren ja aus eben diesem Grund nach zwei Semestern ca. 50% der Studienanfänger schon wieder verschwunden.

Genau. Von Defiziten im Studium würde ich also nicht sprechen, aber etwas Nachholbedarf gab es für mich durch den Wechsel in die reine Röntgenphysik dann schon, hier insbesondere im Bereich der Festkörperlehre und (anorganischen/organischen) Chemie.

Obwohl ich zu den medizinischen Inhalten mittlerweile nicht mehr so viel Kontakt habe, fühle ich mich im Ganzen gut auf die aktuellen Herausforderungen während der Promotion vorbereitet. Es gibt da aber Einschränkungen, z.B. die gezielte Förderung von wichtigen Kenntnissen in der Programmierung oder Datenauswertung. Mir ist klar, dass ich da etwas voreingenommen bin, und vielleicht liegt hier die Ursache auch eher bei der angesprochenen Identität die sich unter uns Studenten entwickelt hat (aka “Im Labor arbeite ich später eh nicht…”). Die Angebote gibt es ja, auch für Medizinphysiker.

Wenn man sich Berufsfelder für Physiker ansieht, darf man als eine Stärke des Physikstudiums die Förderung von universal einsetzbaren Fähigkeiten, wie z.B. analytischem Denken und Methodenkenntnis, herausheben. Ich denke das gilt auch für das Medizinphysik-Studium, obwohl hier der Berufsweg ja schon praktisch im Namen vorkommt (man kann das natürlich ignorieren…). Bei uns wird diese Universalität dann einfach schon während des Studiums dauernd gefordert, z.B. in den ersten Semestern, wenn mit Anatomie und Höherer Mathematik sehr unterschiedliche Themenfelder aufeinander treffen. Das erfordert einen Spagat, aber kann sehr reizvoll sein.

Stimmt, gerade diese abwechslungsreichen Themenfelder fand ich im Studium sehr spannend und motivierend. Ich finde auch, dass unser Lehrplan in den von dir genannten Bereichen der Programmierung und Datenauswertung etwas zu kurz kam. In Form von freiwillig besuchten Vorlesungen, WHK-Jobs oder natürlich Projekten in der Freizeit konnte man sich aber dennoch einiges aneignen.

Ich würde abschließend gerne noch wissen: Was sind deine Pläne für die nächsten Jahre? Hast du schon eine Vorstellung, wo du in Zukunft gerne arbeiten möchtest?

Da bin ich mir noch nicht ganz sicher, aber vielleicht wird es ja ein Post-Doc an einem wissenschaftlichen Instrument. Das wäre dann erstmal die wissenschaftliche Laufbahn, das könnte ich mir schon vorstellen. Ich finde zurzeit toll, dass man oft das Gefühl hat etwas Gemeinnütziges und Wichtiges mit aufzubauen, das finde ich stark. Es passt dann nicht nur die tägliche Beschäftigung, sondern irgendwie auch der Gesamtfortschritt mit dem man sich identifiziert. Wer weiß, vielleicht findet sich das auch gut abseits der wissenschaftlichen Karriere.