In diesem Kapitel wird versucht die aktuelle Gehaltslage eines Medizinphysikers möglichst objektiv einzuschätzen. Zur Orientierung der tariflichen Gehälter wird zu Beginn das Median-Gehalt in Deutschland zum Vergleich hinzugezogen. Das Durchschnittsgehalt wird aufgrund der hohen Vorstands- und Investmentbankgehälter so sehr verzehrt, dass es eher das Gehalt der oberen Mittelschicht widerspiegelt und damit nicht zu gebrauchen ist. Es wird kurz auf das Tarifeinheitsgesetz, außertarifliche Vergütung und einige Möglichkeiten für Nebenverdienste eingegangen, da diese (ggf. zu Lasten der Work-Life-Balance) durchaus lukrativ sein können.

Tarifliche Gehälter

Grundsätzlich sind in üblichen Stellenanzeigen neben „leistungsgerecht“ und „attraktiver“ Vergütung einige tarifliche Eingruppierungen zu finden. Der am weitesten verbreitete Tarif ist der der Länder (TV-L). Manchmal ist der etwas bessere Tarif des öffentlichen Dienstes (TV-ÖD) und eher selten der etwas schlechtere Tarif der Universitätskliniken TV-UK zu finden. Noch seltener ist der deutlich bessere Diakonie-Tarif (AVR) zu finden. Dieser Tarif sieht allerdings im Gegensatz zu den zuvor genannten Tarifen eine 40-Stunden- und keine 38,5-Stunden-Woche voraus. Die Details zu den Tarifen lassen sich auf der Seite des Öffentlichen Dienstes finden.

Neuerdings (Stand 01/2019) dürfen Medizinphysiker in einigen Ländern (z. B. Hamburg, NRW) auch nach dem Ärztetarif (TV-Ä / VKA) des Marburger Bundes vergütet werden (s.u. im Unterkapitel Tarifeinheitsgesetz). Die außertarifliche Bezahlung ist grundsätzlich in allen Einrichtungen ohne Tarifbindung zu finden oder bei Angestellten, die im öffentlichen Tarif mehr Verantwortung übernehmen als die oberste Eingruppierung vorsieht (für Details s. unten). Unabhängig nach welchem Tarif vergütet wird, wird grundsätzlich gemäß der Qualifikation eingruppiert. Zum Beispiel ist im Tarifvertrag der Länder (TV-L) und des öffentlichen Dienstes (TV-ÖD) die höchste Eingruppierung die mithilfe einer Qualifikation erlangt werden kann bereits mit dem Masterstudium erreicht (EG 13). Eine höhere Eingruppierung kann danach in der Regel nur noch durch die Übernahme von mehr Verantwortung übernommen werden. Eine Promotion rechtfertigt pauschal also keine höhere Eingruppierung. In den meisten Kliniken wird es so gehandhabt, dass mit dem Erwerb der Fachkunde, also dem Zeitpunkt an dem mehr Verantwortung übernommen wird, eine höhere Eingruppierung erfolgt (z. B. TV-L 14).

Mit dem Anstieg der einschlägigen Berufserfahrung erfolgt eine höhere Einstufung innerhalb der jeweiligen Eingruppierung. Die maximal erreichbare Stufe ist Stufe 6 (TV-L). Es gilt: Stufe 2 nach einem Jahr in Stufe 1, Stufe 3 nach zwei Jahren in Stufe 2, Stufe 4 nach drei Jahren in Stufe 3 und so weiter. Ein gesamter Überblick der Einstufungen ist in der nachstehenden Tabelle dargestellt.

Stufe Erreicht ... Gesamtdauer in Jahren
1
... bei Einstellung
0
2
... nach einem Jahr in Stufe 1
1
3
... nach 2 Jahren in Stufe 2
3
4
... nach 3 Jahren in Stufe 3
6
5
... nach 4 Jahren in Stufe 4
10
6
... nach 5 Jahren in Stufe 5
15

Abschließend sollen die Gehälter der Einstiegsjahre miteinander verglichen werden. Dazu werden für alle genannten Tarife für unterschiedliche Eingruppierungen die ersten beiden Stufen tabellarisch aufgelistet. Zusätzlich enthält die Tabelle die Mediangehälter Deutschland sowie Ost- und Westdeutschland. Der erste Block repräsentiert die Gehälter Deutschland, der zweite Block die Einstiegsgehälter eines Medizinphysikers je nach Tarif und der dritte Block das Gehalt nach dem Erwerb der Fachkunde verbunden mit einer höheren Eingruppierung und zwei Jahren einschlägiger Berufserfahrung. In der letzten Spalte ist das Spitzengehalt des jeweiligen Tarifs, zusammengesetzt aus der besten Eingruppierung und der höchsten Stufe (Die Werte sind auf Hunderter gerundet).

Stufe Tarif & Eingruppierung (Median-) Gehalt (Brutto) in €

Deutschland

Westdeutschland

Ostdeutschland

38.500

44.100

31.200

 

 

1

TV-L EG 13

TV-ÖD EG 13

TV-UK EG 13

Diakonie AVR EG 12

TV-Ä / VKA 1

46.000

48.000

45.900

58.500

52.800

 

 

2

TV-L EG 14

TV-ÖD EG 14

TV-UK EG 14

Diakonie AVR EG 12

TV-Ä / VKA 2

54.600

55.900

54.700

61.500

75.600

 

 

6 (2)

TV-L EG 15

TV-ÖD EG 15

TV-UK EG 14

Diakonie AVR EG 13

TV-Ä / VKA 4

78.700

82.200

73.000

76.500

110.100

Die Daten zum Median-Bruttogehalt wurden dem Artikel „Arbeitsentgelte im Vergleich: Wie es an Ihrem Arbeitsort aussieht“ von Kevin Schubert vom Nachrichtendienst des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF) entnommen. Alle weiteren Details zu den tariflichen Gehältern, Entgeltgruppen, Tarifrunden usw. sind auf der Webseite des Öffentlichen Dienstes zu  finden.

Tarifeinheitsgesetz

Seit 2015 gilt in Deutschland das Tarifeinheitsgesetz (erster Entwurf vorgestellt 2014 von Andrea Nahles). Es besagt, dass in Arbeitsverhältnissen oder Betrieben nur ein Tarifvertrag angewendet werden darf. Und zwar der Vertrag derjenigen Gewerkschaft, die zum Zeitpunkt des zuletzt abgeschlossenen Tarifvertrags die meisten Mitglieder in dem jeweiligen Betrieb hat. Die Tarifpluralität wurde damit beendet. Auf den Beschluss folgten viele Verfassungsbeschwerden und Kritik der Gewerkschaften (ver.di, Marburger Bund, Pilotenvereinigung Cockpit, Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer uvm.), da die im Grundgesetz gegebene Koalitionsfreiheit dadurch eingeschränkt werden würde.

2017 urteilte das Bundesverfassungsgericht im Hauptverfahren, dass das Tarifeinheitsgesetz überwiegend verfassungskonform sei. Allerdings müsse das Gesetz hinsichtlich seiner Schutzvorkehrungen überarbeitet werden. Es muss verhindert werden, dass spezielle Berufsgruppen, die aufgrund der Mehrheit betriebsangehöriger Gewerkschaftsmitglieder in einen Tarifvertrag gedrängt werden, in dem sie vernachlässigt werden. Das gesamte Urteil (1 BvR 1571/15, 1 BvR 1477/16, 1 BvR 1043/16, 1 BvR 2883/15, 1 BvR 1588/15) kann auf der Webseite des Bundesverfassungsgerichts eingesehen werden.

2018 hat die große Koalition das ursprüngliche Tarifeinheitsgesetz aus dem Jahre 2015 gemäß dem Rechtspruch aus 2017 überarbeitet. Die Anpassung erlaubt, dass spezielle Berufsgruppe nicht mehr nur aufgrund der Mehrheit betriebsangehöriger Gewerkschaftsmitglieder in einen Tarifvertrag gedrängt werden können. Werden die Interessen einer Berufsgruppe nicht ausreichend in einem Tarifvertrag vertreten, so dürfen Minderheitsverträge gültig bleiben. Laut Aussage des Marburger Bundes geht diese Anpassung nicht weit genug.

Außertarifliche Gehälter

Trotz einer Vielzahl von Stellenausschreibungen, die eine tarifliche (oder daran angelehnte) Vergütung anbieten, ist eine außertarifliche Bezahlung, die in der Regel höher ausfällt, nicht untypisch. Solche Verträge sind bei Arbeitgebern, die nicht tarifgebunden sind, aber auch im öffentlichen Dienst z.B. bei Arbeitnehmern mit einem hohen Verantwortungsbereich üblich. Die Verträge können also entweder gänzlich außertariflich gestalten werden oder an einen Tarifvertrag, der z.B. eine Leistungszulage oder eine ausgehandelte übertarifliche Zulage enthält, angelehnt werden. Beide Vertragsmodelle haben Vor- und Nachteile und hängen davon u.a. ab, ob der Arbeitgeber tarifgebunden ist oder eben nicht.

Die Anbindung an einen Tarifvertrag sorgt für Klarheit, Sicherheit und Transparenz (u.a. das Gehalt betreffend) für den Arbeitnehmer und schützt ihn vor Willkür des Arbeitgebers. Zudem verhandeln Arbeitnehmervertreter regelmäßig mit den Arbeitgebervertretern neue Tarifverträge aus, die u.a. eine quasi automatische regelmäßige Anhebung des Lohns (z.B. jährlich prozentual/absolut oder durch Einmalzahlungen) beinhalten.

Ist der Arbeitgeber hingegen nicht tarifgebunden ist, kann der Vertrag frei verhandelt werden. Die Wochenarbeitszeit, Urlaubs- und Überstundenregelungen, Sonderurlaubstage, Kündigungsfristen sowie die Gehaltserhöhungen können individuell gestaltet werden. Aus diesem Grund wäre ein Tarifvertrag bei gleichem Gehalt dem AT-Vertrag vorzuziehen. Aus demselben Grund wird in der Regel bei außertariflicher Anstellung ein höherer Lohn gezahlt (Es gibt auch Branchen, in denen es umgekehrt ist). Da die Verträge kaum bis sehr stark von den Tarifverträgen abweichen können, sind Gehaltsunterschiede von 0 – 50% möglich. Genaue Zahlen anzugeben ist an dieser Stelle unmöglich, da neben den Vertragsbedingungen und der Berufserfahrung weitere Faktoren wie Angebot und Nachfrage, die Qualifikation des Arbeitnehmers, die Region sowie die Größe der Einrichtung eine Rolle spielen. Tendenziell sollte das Gehalt aber über dem liegen, das nach der tariflichen Eingruppierung und Stufe bezahlt werden würde. Bei den Gehaltsverhandlungen ist eine gesunde Selbsteinschätzung und Fingerspitzengefühl gefordert. Ebenso sollte der Arbeitnehmer entweder bereits bei der Einstellung regelmäßige Lohnsteigerungen verhandeln oder sein Gehalt individuell regelmäßig nachverhandeln, so wie es die Arbeitnehmervertretungen tun. Die Gespräche sollten mindestens alle zwei Jahre (oder bei Änderungen des Verantwortungsbereichs) geführt werden und zu Lohnsteigerungen führen, die sich z.B. grob an den Ergebnissen der Tarifverhandlungen orientieren. Rechtlich gesehen sind Arbeitgeber, die nicht der Tarifbindung unterliegen, jedoch nicht zu einer Gehaltserhöhung verpflichtet.

Da aus Arbeitnehmersicht ein Tarifvertrag grundsätzlich etwas Gutes ist, macht ein außertariflicher Vertrag für Arbeitnehmer, die bei tariflich gebundenen Einrichtungen angestellt sind, erst dann Sinn, wenn der Aufgaben- und Verantwortungsbereich eines Arbeitsnehmers höhere Anforderungen stellt, als jene die in der höchsten Stufe des jeweiligen Tarifvertrags vorgesehen sind. Das würde im öffentlich Dienst (z.B. TV-L) bedeuten, dass eine außertarifliche Einigung in Frage kommt, wenn Ihr Verantwortungsbereich das der Eingruppierung TV-L 15 mit Stufe 6 übersteigt. Das Gehalt entspräche in diesem Fall ca. 84.400 € (Stand 02/2021).  Solche Verantwortungen haben in der Regel entweder Führungskräfte oder Arbeitnehmer, die in sehr speziellen Bereichen tätig sind. Im Gegenzug wird der Arbeitgeber bei außertariflicher Bezahlung ein entsprechend hohes Engagement und überdurchschnittlichen Einsatz bei der Arbeit erwarten. Da AT-Gehälter oberhalb der höchsten Eingruppierung und Entgeltstufe liegen, beginnen typische Gehälter bei 85.000 € und können je nach Position, Berufserfahrung und Verantwortung bis in den niedrigen 6-stelligen Bereich steigen. Das trifft auf AT-Gehälter bei Arbeitgebern ohne Tarifbindung ebenso zu. Bei diesen Gehältern sollte trotzdem eine Anbindung an die jährlichen Lohnsteigerungen des öffentlichen Dienstes angestrebt werden.

Selbstverständlich können auch unterhalb der obersten tariflichen Eingruppierung und Stufe außer-/übertarifliche Zulagen verhandelt werden. Insbesondere wenn Arbeitnehmer sich durch besondere Fähigkeiten, Kenntnisse oder Verantwortungsbereiche von Kollegen abgrenzen, sind Prämien z.B. in Form von Leistungszulagen ein häufig eingesetztes Mittel um einzelne Mitarbeiter wertzuschätzen. Die Zulagen werden anhand der zusätzlichen Aufgaben bewertet und können von 100€ bis über 1000€ reichen. Ab ca. 2100€ machen die Zulagen keinen Sinn mehr, da mit dieser Zulagenhöhe bereits in TV-L 14 Stufe 2 das Gehalt der höchsten Eingruppierung und Stufe überschritten wäre. Abgesehen davon sind Zulagen von >1000€ eher unwahrscheinlich. Der Nachteil von übertariflichen Zulagen besteht darin, dass sie seitens des Arbeitgebers widerrufen werden können (z.B. bei unzureichender Leistung, schlechter wirtschaftlicher Lage des Unternehmens), weshalb der Grund/Zweck der Zulage konkret im Vertrag definiert werden sollte.

Nebenverdienste

Einige Medizinphysiker verfolgen neben ihrem Job zusätzlich Nebentätigkeiten. Da MPE über relevantes Fachwissen verfügen, handelt es sich dabei häufig um Lehrtätigkeiten oder das Verfassen von didaktischen Dokumenten, deren Erstellung finanziell unterstützt wird.

  • Dozent für Strahlenschutzkurse
  • Mitbetreuung von Vorlesungen (z.B. Universität, MTRA-Schule)
  • Mitgestaltung von Normen, Richtlinien, Leitfäden
  • Verfassen von Fachliteratur/Buchkapiteln
  • Durchführung und Mitbetreuung wissenschaftlicher Studien
  • Software- und Produktentwicklung
  • Nachhilfe in Mathe- & Physikfächern (Schule, Universität)

Für Medizinphysiker die fachliche Kompetenzen aus besonders spezifischen Bereichen vorweisen können, ergeben sich weitere Tätigkeitsbereich, wie z.B.

  • Strahlenschutzberechnungen für den baulichen Strahlenschutz z.B. für Bauplanungen von Röntgenräumen oder Bunkern
  • Betreuung röntgendiagnostischer/nuklearmedizinischer Abteilungen, die gemäß § 14 StrlSchG für ihre Anwendungen gewährleisten müssen, dass einen Medizinphysik-Experten hinzugezogen werden kann
  • Einmessen von Linearbeschleunigern und Kommissionierung von Bestrahlungsplanungsprogrammen
  • Strahlenschutzüberwachung: Personendosimetrie für beruflich strahlenexponierte Angestellte (z. B. von Kernkraft- oder Wasserwerken, Reinigungskräfte) verwalten
  • Bestimmung strahlenschutzrelevanter Parameter für externe Firmen (z.B. Äquivalenzwerte, Abschirmungen)
  • Beratungen bei Anwendungen mit ionisierender Strahlungen oder radioaktiven Stoffen, Genehmigungsverfahren sowie strahlenschutzrechtlichen Fragen

Kommentar

Gehalt

Das Bruttogehalt eines Medizinphysikers, der nach dem am weitesten verbreiteten Tarif (TV-L) vergütet wird, verdient bei Einstellung ca. 48.000 € und nach 2 Jahren Berufserfahrung, nach Erwerb der Fachkunde ca. 56.000€.  Öffentlichen Stellenausschreibung kann entnommen werden, dass einige Kliniken ihre Medizinphysiker in die Entgeldstufen 12 (oder sogar 11) eingruppieren, was einem Jahresgehalt von jeweils ca. 43.000 € entspricht. Im Hinblick auf die übernommene Verantwortung und insbesondere im Vergleich zu dem Tarifgehalt eines Assistenzarztes im zweiten Jahr (ca. 59.000 €) oder Facharzt Stufe 3 (ca. 85.000 €), vgl. TV-Ä, ist das ausbaufähig. 

Tarifeinheitsgesetz

Es geht letztlich darum, dass sich niemand bei der Einstellung aussucht, von welcher Gewerkschaft er vertreten wird. Wird das Gehalt aus dem vorherigen Kapitel betrachtet, würde wohl jeder Medizinphysik-Experte behaupten, dass er am liebsten vom Marburger Bund vertreten werden würde. Die Frage von wem jemand vertreten werden möchte, stellt sich allerdings nicht. Grundsätzlich sollte das aber durch die Aufhebung des ursprünglichen Tarifeinheitsgesetzes möglich sein. Tendenziell kümmert sich ver.di eher wenig bis gar nicht um die Interessen der Medizinphysik-Experte, d.h. dass sie durch den Tarifvertrag nicht ausreichend vertreten werden. Er ist also jemand für den Minderheitsverträge gültig sein dürfen.