SSK-Bericht zu Orientierungswerten bei Rรถntgendiagnostischen Anwendungen
Nationale diagnostische Referenzwerte (DRW) dienen der Dosisoptimierung bei röntgendiagnostischen und nuklearmedizinischen Anwendungen. Sie werden gemäß § 125 StrlSchV vom Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) ermittelt und veröffentlicht.
Bei ihrer Anwendung als Optimierungsgröße können jedoch verschiedene Einschränkungen auftreten:
- Begrenzte Eignung als Zielwert: Nationale DRW entsprechen definitionsgemäß der 75. Perzentile der Medianverteilungen und stellen damit obere Richtwerte dar. Sie sind daher nur eingeschränkt als konkrete Zielwerte nutzbar.
- Begrenzter Anwendungsbereich: DRW liegen nur für häufige Untersuchungen vor; neue oder seltene Verfahren sind in der Regel nicht abgedeckt.
- Fehlende Indikationsdifferenzierung: Insbesondere in der Projektionsradiographie werden indikationsspezifische Unterschiede nicht berücksichtigt. Der erforderliche Dosisbedarf kann jedoch erheblich von der klinischen Fragestellung abhängen.
- Abhängigkeit von klinischen Besonderheiten: Bei durchleuchtungsgestützten Interventionen (z. B. mechanische Thrombektomie) können Dosiswerte stark von individuellen Faktoren wie der Lage des Thrombus oder dem Behandlungserfolg variieren.
- Unberücksichtigte Geräteausstattung: Unterschiede in der technischen Ausstattung werden in den nationalen DRW nicht reflektiert.
Ergänzung durch Orientierungswerte
Zur besseren Abbildung der klinischen Realität empfiehlt die Strahlenschutzkommission (SSK) die Ergänzung der nationalen DRW durch Orientierungswerte. Dabei werden folgende Begriffe unterschieden:
- Typische Werte: Median der Expositionsdaten einer kleinen Zahl von Röntgeneinrichtungen. Sie dienen der internen Optimierung einer Einrichtung, z. B. zur Identifikation ungünstiger Protokolle oder zur Bewertung neuer Geräte.
- Lokale DRW: 75. Perzentile der Expositionsdaten mehrerer Einrichtungen (> 10–20). Sie besitzen eine höhere Aussagekraft als typische Werte und können zur Anpassung oder Definition nationaler DRW herangezogen werden.
- Nationale DRW: 75. Perzentile der Medianverteilungen einer repräsentativen Anzahl von Einrichtungen innerhalb eines Landes.
- Regionale DRW: Median der nationalen DRW mehrerer Länder. Sie können als Orientierungsgröße für Staaten ohne eigene oder mit veralteten DRW dienen.
Datenerhebung und Qualitätssicherung
Für die Ermittlung typischer Werte und lokaler DRW existiert derzeit kein national standardisiertes Verfahren.
- Typische Werte könnten durch Auswertung der im Dosismanagementsystem (DMS) erfassten Expositionsdaten durch den Medizinphysik-Experten (MPE) bestimmt werden. Dabei ist entscheidend, dass neben der Dosis stets auch die diagnostische Bildqualität bewertet wird – eine reine Analyse der DMS-Daten ist daher nicht ausreichend.
- Lokale DRW könnten analog zu den nationalen Werten durch das BfS unter Nutzung der von Ärztlichen Stellen erfassten Daten ermittelt werden. Wenn die eingereichten Daten jedoch vom überprüften Betreiber ausgewählt werden, besteht das Risiko einer Verzerrung durch selektiv niedrige Werte und damit einer mangelnden Repräsentativität.
Eine weitere Möglichkeit bietet die wissenschaftliche Auswertung von Registerdaten, etwa:
- die internationale Studie “International survey on diagnostic reference levels based on clinical indications in plain radiography”,
- sowie die Analyse der DeGIR/DGNR-Datenbank zur mechanischen Thrombektomie (“Radiation Exposure in Interventional Stroke Treatment: Analysis of the German Neurointerventional Database, 2019–2021”).
Langfristig wäre auch die Implementierung eines nationalen Dosisregisters sinnvoll, um eine systematische Erfassung und Auswertung zu ermöglichen.
Empfehlung der SSK
Die SSK empfiehlt, die bestehenden nationalen DRW beizubehalten und diese zur weiteren Optimierung durch lokale DRW und typische Werte zu ergänzen. Diese sollten insbesondere für häufige Untersuchungen, dosisintensive Verfahren und indikationsspezifische Anwendungen etabliert werden.
Für die bundesweite Umsetzung wäre ein standardisiertes Verfahren – etwa in Form eines deutschen Dosisregisters – wünschenswert. Dabei sollten neben Expositionsdaten auch patientenbezogene Parameter (z. B. Körpergröße, Gewicht und bei Kindern die Körperdicke) systematisch berücksichtigt werden.
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